Weltrekord als Motivationskick für Niko Kappel in der Corona-Saison

Paralympicsieger muss Zeitmanagement optimieren / Lust auf Rolle im Tatort

Niko Kappel ist wohl einer der bekanntesten Para-Sportler. Nachdem sich das 1,40 Meter große Kraftpaket bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro in die Herzen der Fans und zur Goldmedaille gestoßen hat, wurde er vom Bundespräsidenten mit dem silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet.
 
Am vergangenen Wochenende setzte der Athlet des VfL Sindelfingen erneut ein Ausrufezeichen. Kappel stieß bei einem Wettkampf in Stuttgart die Kugel auf unglaubliche 14,40 Meter, 21 Zentimeter mehr als der bisherige Weltrekord des Briten Kyron Duke, und 29 Zentimeter mehr als seine eigene persönliche Bestleistung. Wie der Ausnahmesportler sich während dem Corona-Lockdown fit hielt, wer ihn dabei unterstütze, warum er an seinem Zeitmanagement arbeiten muss und was er vom Tatort hält, jetzt im Interview.

Niko Kappel

Am Samstag konntest du deine Bestleistung von 14,11 Meter um satte 29 Zentimeter verbessern und hast dir somit den Weltrekord des Briten Kyron Duke inoffiziell zurückgeholt. Was ging dir kurz danach durch den Kopf, als die Kugel bei 14,40 Metern lag?   
 
Zuerst einmal war ich einfach nur glücklich. Es ist schön zu sehen, dass man trotz der Zwangspause nicht ganz aus der Form gekommen ist und dass das Training fruchtet. Es hat am Wochenende einfach alles gepasst. Bei uns kleinwüchsigen Kugelstoßern ist das immer ein interessanter Schlagabtausch mit dem Weltrekord. Bisher durfte ich den Rekord nie über den Winter behalten. 2018 und 2019 hatte ich den Weltrekord bereits für eine kurze Zeit, musste ihn dann wieder abgeben. Mal schauen, wie lange ich ihn jetzt behalten darf, sollte er letztlich auch akzeptiert werden. Auf jeden Fall war das ein absoluter Motivationskick in der Corona-Saison.
 
Noch steht aber ein Fragezeichen hinter dem Weltrekord. Warum ist er noch nicht offiziell?
 
Der Wettkampf wurde erst Anfang der vergangenen Woche final organisiert, um uns mal wieder eine Wettkampfsituation zu ermöglichen, professionell mit Kampfrichtern und den entsprechenden Abläufen. Aufgrund der Kurzfristigkeit konnte der Wettkampf nicht mehr beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) angemeldet werden. Der Antrag auf Anerkennung des Weltrekordes wurde nun dennoch an das IPC geschickt, wir müssen nun auf die Akzeptanz hoffen. Die Leistung wurde ja zu einhundert Prozent korrekt erbracht und es war ein offizieller Wettkampf des DLV. Mal schauen.
 
Man hat nach so einem außergewöhnlichen Erfolgserlebnis vermutlich den Anspruch an sich selbst, die Kugel regelmäßig auf diese Entfernungen zu stoßen. Machst du dir diesen Druck?
 
Klar wäre es mir am liebsten, wenn jetzt regelmäßig solche Weiten kommen würden. Man muss generell an sich selbst und die eigene Leistung glauben, und das Vertrauen in sich und seine Technik haben. Aber genau da gilt es jetzt dran zu bleiben und die Qualität im Training hochzuschrauben, denn oft ist es auch so, dass man nach so einem Erfolgserlebnis die Konzentration oder die Spannung verliert. Mein Fokus liegt voll und ganz auf den Paralympics 2021, und aus solchen Momenten schöpfe ich die Motivation und die Kraft für die Vorbereitungsphase bis Tokio.
 
Niko, du warst einer der ersten Profisportler weltweit, der sich aufgrund der Corona-Krise für eine Verschiebung der Paralympischen Spiele 2020 in Tokio ausgesprochen hat. Gab es dafür Kritik aus den eigenen Reihen?
 
Nein, da ist mir nichts bekannt. Viele Athleten waren sicherlich ähnlicher Meinung. So wie der Verlauf der Corona-Pandemie gerade aussieht, ist das auch die beste Entscheidung, die gefällt wurde. Klar, in Deutschland merken wir gerade, wie in vielen Bereichen die Lockerungen der Kontaktbeschränkungen das Leben wieder in Richtung Normalität lenkt. Wir deutschen Sportler dürfen, auch unter Auflagen, wieder an den Bundesstützpunkten trainieren. Vielen anderen Sportlern auf der Welt bleibt das aber verwehrt, da dort die Corona-Krise erst richtig anfängt. Von daher ist das immer noch die beste Entscheidung, die IOC und IPC haben fällen können und ich hoffe, dass wir dann nächstes Jahr gemeinsam schöne Spiele feiern werden.
 
Während der Lockdown-Phase konnten dir deine Fans via Social Media dabei zuschauen, wie du in deinem Keller fokussiert trainiert hast. Wie hast du dich jeden Tag aufs Neue dazu motivieren können, alleine auf acht Quadratmeter ohne Fenster Gewichte zu stemmen?
 
Zuerst musste ich ja meinen Keller umbauen, damit ich dort mein Krafttraining absolvieren kann. Ich bin extra zum Baumarkt gefahren und habe Gummimatten besorgt, die ich dann selbst ausgelegt habe, damit ich auch meine Kugel und Gewichte fallen lassen kann.  
Als gelernter Bankkaufmann mit zwei linken Handwerkerhänden hat mich das Projekt etwas stolz gemacht, und daraus habe ich auch Motivation geschöpft. Außerdem war mein Trainingsplan auf maximal drei Stunden angesetzt, und wenn du sowieso nur daheim bist, und nicht im vollen Umfang trainieren kannst, war das eine willkommene Abwechslung.
 
Zusammen mit deinem Athletiktrainer Damien Zaid konntet ihr dein instabiles Knie wieder gut rehabilitieren. Gibt es dennoch weiterhin beim Training Beschwerden bei den Drehbewegungen?
 
Da ich die Probleme seit Ende 2018 hatte, habe ich in den letzten zwei Jahren viel Reha- und Stabilitätstraining gemacht. Aktuell habe ich jetzt zum Glück keinerlei Beschwerden mehr. Damien und ich haben auch erkannt, dass Einheiten wie beispielsweise Joggen und Sprinten, mir und meinem Knie nicht sonderlich gut tun. Es gibt andere Möglichkeiten sich warm zu machen, oder Explosivität zu trainieren. Deswegen haben wir solche Elemente im Trainingsplan durch andere ersetzt. Seitdem wurde es kontinuierlich besser.
 
Wie sieht dein Masterplan für die Paralympischen Spiele im kommenden Jahr in Tokio aus?
 
Weiter zu stoßen als jeder andere (lacht). Ich hoff einfach, dass ich verletzungsfrei durch das Jahr komme und die Vorbereitungszeit maximal nutzen kann. Auch die Zusammenarbeit zwischen Peter Salzer und Damien Zaid könnte für mich nicht besser sein, weshalb ich sehr optimistisch auf die Spiele im nächsten Jahr schaue.
 
In Japan hat der Behindertensport einen sehr hohen Stellenwert. Auch du hast dort viele Fans erhältst sogar Fanpost von dort. Ist dir einer davon ganz besonders in Erinnerung geblieben?
 
Tatsächlich ist das der allererste Brief, der mich aus Japan erreicht hat. In englischer Sprache hat mir ein junges Mädchen geschrieben, dass sie sich eine Dokumentation über mich angeschaut hat und nun ihren Hund nach mir benannt habe. Das hat mich schon emotional berührt. Es ist beeindruckend mitzubekommen, wie die Japaner den Behindertensport sehen und was sie sich für eine Mühe machen, die Paralympics auszutragen. Das stärkt die Motivation und macht nur noch mehr Vorfreude auf die Spiele 2021. Total verrückt zum einen, aber auch sehr cool zu sehen, welche Bedeutung der Behindertensport in diesem Land hat.   
 
Du bist ein sehr lebensfroher Mensch, hast immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Wie wichtig ist es dir, als Einzelkämpfer, beim Training eine Gruppe zu haben und unter Leuten zu sein?
 
Mir ist das sehr wichtig. Ich komme ursprünglich aus dem Mannschaftssport. Mein Vater war Fußballtrainer, und so habe ich früher auch aktiv beim FC Welzheim gekickt. Deswegen hat es mich sehr gefreut, dass wir, selbstverständlich unter Auflagen, am Bundesstützpunkt Leichtathletik in Stuttgart wieder angreifen durften. Es gibt immer Tage, an denen es nicht so läuft und da orientiert man sich in einer Trainingsgemeinschaft auch an den Leuten, bei denen es besser funktioniert, um noch ein paar Zentimeter rauszuholen. Andererseits sind wir eine großartige Truppe und man bekommt auch ab und an mal einen lustigen Spruch ab, wenn die Leistung nicht stimmt. So etwas kann auch anspornen.  
 
Dein Trainer, Peter Salzer, sagte, dass du außer Social Media keinerlei Schwächen hast. Fakt oder eher ein gut gemeinter Motivationsschub?
 
Es gehört eben heutzutage irgendwo zum Sportlerdasein dazu, dass man in der Öffentlichkeit präsent ist. Gerade in meiner Situation bin ich auf Sponsoren angewiesen, die mich finanziell unterstützen, damit ich mich voll und ganz auf meinen Sport konzentrieren kann. So hätte ich beispielsweise ohne diese Unterstützung auch nicht mein eigenes kleines Fitnessstudio bei mir im Keller einrichten können. Peter hat da aber schon Recht, es nimmt viel Zeit in Anspruch, aber auch das gehört dazu. An meinem Zeitmanagement muss ich dennoch etwas feilen, aber das bekomme ich alles schon noch hin.   
 
Über 60.000 Abonnenten unterhältst du mittlerweile mit deinen Videos und deinen Schauspielkünsten auf der neuen Social Media Plattform TikTok. Wann sehen wir Niko Kappel in einer Nebenrolle beim Tatort?
 
(lacht). Der Tatort ist auf jeden Fall Kult. Da hätte ich in der Tat Lust drauf. Der SWR Tatort mit Richy Müller und Felix Klare ist mein Favorit. Also sobald die ARD mir eine Rolle anbietet und ich das zeitlich realisieren kann bin ich dabei.
 
Paralympics-Sieger, Weltmeister, zweimaliger Behindertensportler des Jahres (2016 und 2017), gelernter Bankkaufmann und Gemeinderatsmitglied für die CDU in Welzheim. Welche Bezeichnung fehlt dir noch in deiner Vita?
 
Das ist schwierig. Klar, als Sportler am liebsten noch der Europameistertitel und eine zweite Goldmedaille bei den Paralympics wäre schon genial. Keine einfache Aufgabe, da dieses Ziel auch noch viele andere haben. Ich hoffe, dass ich später, wenn ich selbst nicht mehr aktiv bin, meinem Sport noch irgendwas zurückgeben und mich aktiv einbringen kann. Also vielleicht können wir der Vita erstmal noch ein paar Erfolge hinzufügen. Mal schauen was die Zukunft dann noch so bringt, auch beruflich nach Ende meiner aktiven Karriere.